Chronologie der Katastrophe

Chronologie der Katastrophe

12.-15. FEBRUAR – Ein Sturm zieht auf

Am 12. Februar drückt ein Nordseesturm der Stärke 10 bis 11 das Wasser in die Elbmündung hinein. Dieser Sturm verursacht zwei Sturmfluten, das Abendhochwasser erreicht mit 2,48 m über dem mittleren Wasserstand die höchste Sturmfluthöhe seit 1954. Am 13. Februar kommt es trotz kurzer Wetterberuhigung zu einer mittleren Sturmflut, die zu Überschwemmungen und ersten Deichbrüchen im Ostegebiet und Land Hadeln führt. Am 15. Februar nähert sich das Sturmtief „Vincinette“ aus nordwestlicher Richtung von Island her und fegt über die Nordseeküste hinweg. Zu diesem Zeitpunkt können Experten noch nicht absehen, dass es in den folgenden Tagen zu der größten Sturmflutkatastrophe seit 1825 kommen wird.


16. FEBRUAR – „Vincinette“ trifft Hamburg mit voller Wucht

8:09 Uhr

Das Deutsche Hydrographische Institut warnt für die kommende Nacht vor einer Sturmflut.

Am Vormittag des 16. Februar drücken orkanartige Böen bis Stärke 13 das Wasser in die Elbmündung hinein. Ab mittags gilt für Hamburger Feuerwachen der Ausnahmezustand. Der Höhepunkt des Sturms tritt um 22 Uhr ein. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits neben den Feuerwehren und den Deichverbänden auch das THW und eine Pioniereinheit der Bundeswehr aus Fischbek bei der Sicherung von Deichen im Einsatz.


16. FEBRUAR – Warnung oder Entwarnung?

22:45 Uhr

Die Hamburger Polizei gibt die Alarmstufe III aus.

Während die Feuerwehr bereits wieder einrückt, weil die Sturmflut scheinbar vorbei ist, wird für die Nordseeküste erneut Alarm geschlagen: um 22:20 Uhr sendet das Fernsehen nach der Tagesschau eine Sturmflutwarnung.  Um 22:45 Uhr gibt die Hamburger Polizei die Alarmstufe III aus. Kurz vor Mitternacht wird die Bevölkerung in den elbnahen Gebieten mit Blaulicht, Sirenen, Kirchenglocken und Einschlagen von Fensterscheiben gewarnt.

» Zeitzeuge Rudolf Meier aus Finkenwerder erinnert sich.


17. FEBRUAR – Das Wasser kommt!

0:15 Uhr

Erster Deichbruch im Neuenfelder Rosengarten. 8 Menschen sterben.

Ab ca. 0 Uhr des 17. Februars laufen die Deiche über und es kommt im Laufe der Nacht zu über 60 Deichbrüchen: Der Süderelberaum mit Cranz, Neuenfelde, Francop, Finkenwerder, Waltershof und Altenwerder bis hinunter nach Moorburg wird überflutet. Aber auch nördlich der Elbe, wie in Billwerder-Moorfleet, stehen Gebiete unter Wasser. Am schlimmsten trifft es die Elbinsel Wilhelmsburg.

» Ein Bericht von 1962 des damals neunjährigen Heino Wenzel.


17. FEBRUAR – Im Schlaf überrascht

0:30 Uhr

Telefone, Fernschreiber und Signallinien fallen aus.

Kurz nach Mitternacht fallen im Flutgebiet die Telefone aus, ab 1 Uhr gibt es keinen Strom mehr. Die Bevölkerung wird vom Wasser zumeist im Schlaf überrascht. Viele hatten den Ernst der Lage bisher verkannt. Nun aber  begreifen alle – auch die zuständigen Behörden – , dass es um Leben und Tod geht. Im Verlauf der Nacht sind 1.500 Soldaten und Polizisten zusammen mit den Einsatztrupps ziviler Hilfsdienste und etwa 2.000 Feuerwehrangehörigen im Einsatz.

1:00 Uhr

Die Stromversorgung bricht zusammen.

Um 3.07 Uhr beträgt der höchste Wasserstand am Pegel St. Pauli + 5,70 m NN.

» Die Zeitzeuginnen Monika Genz aus Neuenfelde und Jutta Dierks aus Francop berichten.


17. FEBRUAR – In Wilhelmsburg brechen die Deiche

2:00 Uhr

Am Wilhelmsburger Spreehafen bricht der Deich. Über 200 Menschen sterben.

Gegen 2 Uhr ereignet sich am Spreehafen im Norden Wilhelmsburgs der folgenschwerste Deichbruch. Dort kommen im Verlauf der Nacht über 200 Menschen zu Tode, darunter zahlreiche Kinder und ältere Menschen. Die meisten von ihnen konnten sich nicht mehr rechtzeitig aus den niedrig gelegenen Behelfsheimsiedlungen retten, die dort nach dem Krieg errichtet worden waren. Sie ertranken oder erfroren.


17. FEBRUAR – Helmut Schmidt übernimmt

11:00 Uhr

Der Senat tritt zu einer Sondersitzung zusammen.

Der damalige Polizeisenator Helmut Schmidt trifft morgens um 6.40 Uhr im Polizeipräsidium am Karl-Muck-Platz ein, kurz nachdem er zu Hause telefonisch benachrichtigt worden war. Er übernimmt die zentrale Koordination von Akteuren und Ressourcen, um zügige und effektive Hilfsmaßnahmen einzuleiten.


17. FEBRUAR – Hamburg im Ausnahmezustand

100.000 Menschen sind vom Wasser eingeschlossen, 220 Mio. Kubikmeter, das 60fache der Binnen- und Außenalster, haben ein Sechstel Hamburgs überflutet. Die Stromversorgung der Stadt ist teilweise völlig zusammengebrochen. Die betroffenen Gebiete sind über mehrere Tage ohne Wasser-, Gas- und Stromversorgung sowie ohne Telefonverbindung. Manche Gebiete stehen in der Folge bis zu vier Wochen unter Wasser.


17. FEBRUAR – Die Rettung beginnt

Hubschrauberstaffeln beginnen mit der Rettung von über 450 Menschen, die sich auf ihre Hausdächer geflüchtet hatten. Zeitgleich erfolgen Rettungen und Evakuierungen mit Hilfe von Schlauch- und Sturmbooten. Knapp 2.000 Menschen werden aus unmittelbarer Lebensgefahr gerettet und insgesamt 12.000 Evakuierte auf etwa 50 Auffanglager in Turnhallen und Schulen verteilt.

» Zwei Bundeswehrsoldaten berichten von ihrem Einsatz.


18. FEBRUAR – Hilfe kommt von überall

0:00 Uhr

Transportflugzeuge der amerikanischen, englischen und deutschen Luftwaffe bilden eine Luftbrücke.

Etwa 26.000 Helfer kommen zum Einsatz, darunter 8.000 Bundeswehrsoldaten, 6.000 Soldaten von NATO-Streitkräften wie der US Air Force und der Royal Air Force, 2.000 Polizisten und 2.000 Feuerwehrmänner. Unterstützt werden sie von tausenden freiwilligen Helfer der zivilen Hilfsorganisationen. Auch zahlreiche Hamburger Bürgerinnen und Bürger engagieren sich beim Reparieren der Deiche und bei der Evakuierung der Menschen. In einer großen Solidaritätswelle werden Kleider und Essen gespendet und obdachlos gewordene Menschen aufgenommen.


19. FEBRUAR – Die Bergung der Toten

Bislang werden 119 Tote geborgen. Insgesamt sterben bei dieser Flutkatastrophe 315 Menschen, darunter auch fünf Helfer. Tausende von Nutz- und Haustieren ertrinken, über 6.000 Behelfsheime werden zerstört oder schwer beschädigt, über 10.000 Wohnungen sind monatelang unbewohnbar und die Menschen obdachlos. Die finanziellen Folgekosten der Sturmflut von 1962 belaufen sich auf rund 3 Milliarden DM.


19. FEBRUAR – Tausende sind vom Wasser eingeschlossen

19:00 Uhr

Die 4. Lagebesprechung im Einsatzzentrum stellt fest, dass die akute Gefährdung vorüber ist.

Die vom Wasser eingeschlossene Bevölkerung in Wilhelmsburg und Altenwerder muss weiterhin per Hubschrauber versorgt werden, in den anderen Gebieten erfolgt die Hilfe nun per Boot. Die Besatzungen verteilen Trinkwasser, Essen und Säuglingsnahrung, Kleidung und Kohlen, Kochgeräte und Medikamente. Insgesamt werden per Hubschrauber ca. 2.300 Einsätze geflogen.


26. FEBRUAR – Hamburg trauert

Am 26. Februar versammeln sich auf dem Hamburger Rathausmarkt über 100.000 Menschen, um in einer Trauerfeier der Toten zu gedenken. Neben anderen Vertretern der Bundesregierung ist auch Bundespräsident Heinrich Lübke anwesend.


01. MÄRZ – Die letzte Ruhe

Am 1. März erfolgt auf dem Ohlsdorfer Friedhof eine Sammelbestattung: In dieser Ehrengrabstätte werden 77 Flutopfer beigesetzt. Seit 1972 ist dieses Gelände als Flutmahnmal gestaltet.


01. MÄRZ – Eine Welle der Solidarität

Als das Ausmaß der Katastrophe deutlich wird, setzt eine nicht für möglich gehaltene Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität ein, die in Sach- und Geldspenden aus dem In- und Ausland (rund 40 Mio. DM) oder privat organisierter Nachbarschaftshilfe ihren Ausdruck findet. Die 100.000 Bewohner der überfluteten Gebiete erhalten zügig staatliche finanzielle Unterstützung, zunächst ein Handgeld von 50 DM als Soforthilfe. Insgesamt werden für rund 31.500 Fälle etwa 50 Mio. DM aufgewendet. Tausende von Kindern, Müttern und älteren Leuten werden – ebenfalls mit Hilfe von Spenden –  zur Erholung verschickt.